Ein weißes Hemd kann unter einer Lampe gelb und im Schatten blau erscheinen. Der Weißabgleich legt fest, welche Beleuchtungsfarbe die Bilddarstellung ausgleichen soll. Er macht nicht jedes Motiv automatisch farblich richtig: Ein gelber Gegenstand bleibt gelb, und zwei unterschiedlich beleuchtete Gesichtshälften lassen sich oft nicht mit einer einzigen globalen Einstellung neutralisieren.
Mit einer geeigneten Referenz beginnen
Suche einen Gegenstand, der unter dem relevanten Licht tatsächlich neutral grau oder weiß war. Eine dafür vorgesehene Graukarte ist verlässlicher als eine vermeintlich weiße Wand, die cremefarben gestrichen sein könnte. Setze die Pipette nicht auf eine ausgebrannte Reflexion: Dort fehlen die Unterschiede zwischen den Farbkanälen, die für eine sinnvolle Beurteilung gebraucht werden.
Die Referenz muss im gleichen Licht wie das Hauptmotiv liegen. Eine Karte am Fenster hilft wenig, wenn die Person ausschließlich von einer warmen Tischlampe beleuchtet wird. Fotografiere die Karte möglichst am Motivort und entferne sie danach für das eigentliche Bild. Halte bei einer Serie die Beleuchtung konstant.
Temperatur und Tönung getrennt beurteilen
Der Temperaturregler verschiebt den Eindruck zwischen bläulich und gelblich. Die Tönung arbeitet typischerweise zwischen Grün und Magenta. Wenn eine Aufnahme trotz passender Wärme noch grünlich wirkt, löst weiteres Erwärmen das eigentliche Problem nicht. Ändere jeweils nur eine Richtung und beobachte neutrale Flächen sowie Haut.
Vergleiche außerdem mit der Erinnerung an die Situation. Eine Kerzenszene darf warm wirken. Vollständige Neutralisierung kann ihren Charakter verlieren lassen. Umgekehrt sollte ein Produktfoto nicht willkürlich wärmer werden, nur weil das angenehmer aussieht. Die gewünschte Genauigkeit hängt vom Bildzweck ab.
Ein Porträt neben Fenster und Lampe
Stelle dir ein Gesicht vor, dessen linke Seite vom Fenster und dessen rechte von einer warmen Leuchte beleuchtet wird. Ein globaler Klick auf ein weißes Hemd kann eine Seite verbessern und die andere unnatürlich machen. Suche zuerst den Bereich, der für die Aussage wichtiger ist, und stelle dessen Farbe zurückhaltend ein. Dann prüfe, ob die zweite Lichtfarbe als Teil der Situation bestehen bleiben kann.
Falls sie stört, grenze die betroffene Gesichtshälfte mit einer weichen Maske ein. Ändere Temperatur und gegebenenfalls Tönung nur so weit, dass die Seiten zusammenpassen. Der Übergang über Nase, Wange und Hals ist wichtiger als eine isoliert perfekte Stelle. Eine streng senkrechte Farbgrenze verrät die Bearbeitung sofort.
Bei einer geplanten neuen Aufnahme ist eine Änderung des Lichts oft einfacher. Schalte die störende Lampe aus oder drehe die Person so, dass eine Lichtquelle dominiert. Ein späterer Weißabgleich kann unterschiedliche spektrale Eigenschaften und fehlende Farbinformation nicht unbegrenzt kompensieren. Wenn ein Stoff trotz neutraler Graukarte merkwürdig aussieht, sollte deshalb auch die Lichtquelle geprüft werden, nicht nur der Regler.
Mischlicht und Dateigrenzen
Bei Mischlicht entscheide zuerst, welcher Bereich wichtig ist. Stimme beispielsweise das Gesicht ab und behandle den anders beleuchteten Hintergrund bei Bedarf mit einer weichen lokalen Maske. Kontrolliere den Übergang; eine plötzlich wechselnde Hautfarbe wirkt auffälliger als ein leichter natürlicher Farbstich.
RAW-Dateien bieten beim Weißabgleich meist mehr Spielraum als bereits berechnete JPEGs. Stark korrigierte JPEGs können Farbstufen und Rauschen zeigen. Speichere eine neue Ausgabe, statt das Original wiederholt zu überschreiben. Prüfe die endgültige Fassung auf einem neutral eingestellten Bildschirm, nicht mit eingeschaltetem warmem Nachtmodus.
