Ein Weitwinkel macht nicht allein deshalb große Nasen, weil es eine kurze Brennweite hat. Häufig steht die Kamera für ein bildfüllendes Gesicht einfach sehr nah. Die Nase liegt dann relativ deutlich näher an der Kamera als die Ohren. Um Brennweite und Perspektive auseinanderzuhalten, müssen wir getrennt betrachten, was beim Zoomen und was beim Bewegen der Kamera passiert.

Zoomen vom selben Standort

Eine längere Brennweite zeigt bei gleicher Sensorgröße einen engeren Bildwinkel. Einzelne Gegenstände erscheinen größer im Bild, und weniger Umgebung passt hinein. Wenn der Aufnahmestandpunkt unverändert bleibt, ändern sich ihre perspektivischen Größenverhältnisse zueinander grundsätzlich nicht. Ein passender Ausschnitt aus der Weitwinkelaufnahme zeigt daher eine ähnliche Perspektive wie die längere Brennweite vom selben Standort, abgesehen von Objektiveigenschaften und Bildqualität.

Du kannst das mit zwei Tassen testen: Stelle eine nahe und eine deutlich weiter entfernt auf einen Tisch. Fotografiere beide mit kurzer und langer Brennweite, ohne die Kamera zu versetzen. Schneide anschließend die weite Aufnahme auf denselben Ausschnitt zu. Die entfernte Tasse wird nicht plötzlich relativ größer, nur weil du gezoomt hast. Du hast einen kleineren Teil derselben räumlichen Anordnung ausgewählt.

Für gleiche Bildfüllung zurückgehen

Jetzt ändere den Versuch: Halte die vordere Tasse im Bild ungefähr gleich groß. Mit längerer Brennweite musst du dafür zurückgehen. Dadurch wird der Entfernungsunterschied zwischen den Tassen im Verhältnis zum gesamten Aufnahmeabstand kleiner. Die hintere Tasse wirkt relativ größer, die Szene dichter gestaffelt. Diese Wirkung wird oft als Telekompression bezeichnet, entsteht aber durch den veränderten Standort.

Beim Porträt bedeutet das: Wähle zuerst einen Abstand, der die gewünschten Gesichtszüge und den Kontakt zur Person ermöglicht. Wähle danach die Brennweite für den Ausschnitt. Wenn du im engen Raum nicht zurückgehen kannst, liefert eine längere Brennweite kein vollständiges Porträt mit anderem Raumgefühl; sie schneidet lediglich mehr vom Motiv ab.

Zwei Versuche mit einer Person vor einem Tor

Stelle eine Person einige Schritte vor ein Tor und fotografiere von einer festen Markierung einmal weit und einmal enger. Schneide anschließend die weite Aufnahme so zu, dass die Person gleich groß erscheint. Abgesehen von Auflösung, Schärfentiefe und Abbildungsfehlern stimmen die Größenverhältnisse zwischen Person und Tor weitgehend überein. Du hast denselben Blickpunkt beibehalten; das engere Objektiv hat nur einen kleineren Ausschnitt erfasst.

Gehe für den zweiten Versuch mit der längeren Brennweite deutlich zurück, bis die Person wieder dieselbe Größe wie zuvor im gesamten Bild hat. Jetzt erscheint das Tor im Verhältnis zur Person größer. Der Abstand von dir zur Person hat sich stark erhöht, während der zusätzliche Abstand bis zum Tor relativ weniger ins Gewicht fällt. Diese Veränderung wird häufig als Verdichtung durch das Teleobjektiv beschrieben, entsteht aber durch den geänderten Standort.

Für ein Reiseporträt bedeutet das: Wähle zuerst, wie groß ein Gebäude hinter der Person wirken soll. Prüfe dann, welcher Standort dieses Verhältnis ermöglicht und welche Brennweite den gewünschten Ausschnitt liefert. Wenn du an einer Mauer nicht weiter zurückgehen kannst, lässt sich das gewünschte Verhältnis nicht einfach durch Drehen am Zoomring erzwingen.

Den Hintergrund bewusst einbeziehen

Eine Person vor einem entfernten Gebäude kann mit zwei Ansätzen ganz unterschiedlich wirken. Nah mit Weitwinkel aufgenommen, dominiert die Person und das Gebäude erscheint klein. Aus größerer Entfernung mit längerer Brennweite kann das Gebäude hinter ihr wesentlich präsenter werden, obwohl die Person im fertigen Bild ähnlich groß bleibt. Prüfe dabei, ob der Hintergrund nur größer oder auch unübersichtlicher wird.

Eine seitliche Standortänderung verändert zusätzlich die Überlagerung. Ein kleiner Schritt kann einen Laternenpfahl hinter einem Kopf verschwinden lassen, ohne dass du zoomst. Für die Bildgestaltung ist dieses Verschieben oft wichtiger als die genaue Millimeterzahl. Suche zuerst nach klaren Beziehungen zwischen Vordergrund, Hauptmotiv und Hintergrund, bevor du den Ausschnitt endgültig festlegst.

Perspektive ist nicht Objektivverzeichnung

Gebogene gerade Linien sind ein anderes Problem als die Größenwirkung naher und ferner Dinge. Tonnen- oder kissenförmige Verzeichnung hängt mit der Abbildung des Objektivs zusammen und lässt sich häufig durch ein Profil korrigieren. Die räumlichen Größenverhältnisse eines sehr nah fotografierten Gesichts lassen sich damit nicht einfach in die Wirkung eines weiter entfernten Standorts verwandeln. Diese Entscheidung sollte möglichst bei der Aufnahme fallen.

Quellen & weiterführende Informationen